MERCIFUL NUNS - Interview ANOMALY

Merciful Nuns / Sonic Seducer, Karin Hoog

Warum habt ihr „Anomaly X” als Titel für euer letztes Album als Merciful Nuns gewählt? Artaud: Vielleicht beschreibe ich es mal so: ich habe einen Begriff für uns Menschen gesucht, der im Kontext zu unserer Umwelt steht. Ein Wort, welches aufzeigt, dass in einer perfekt abgestimmten Umwelt, etwas lebt, was von zerstörerischer Natur ist. Die Anomalie, „der Sprung im Universum“, das sind wir selbst. Wir sind diejenigen, die hier nicht hingehören. Wir sind die Anomalie auf Erden und demnächst wieder darüber hinaus. Soweit der Hintergrund. Auf dem Album reduziere ich das „Wir“ oder die „Menschheit“ auf eine einzelne, unbenannte Person. Er oder sie nennt sich die Anomalie.

„Anomalie“ ist also eine Metapher für eine bestimmte Person? Artaud: Ja. Eine Person als Stellvertreter für alle.

Woher stammt dieses Mal die Inspiration zum Album? Artaud: Aus mir selbst und meinen Gedanken. Die werden durch „Erlebtes“ oder „Gesehenes“ beeinflusst. Ich beobachte gerne. Vielleicht ist es auch eine Ab- und Aufarbeitung von all dem, was ich zuvor mit den Nonnen gemacht habe. Das Album hat zwei Ebenen, mindestens. Eine Vordergründige, auf der es um die männerdominerte Gesellschaft der Freimaurer geht. Und eine Subjektive, in der es um die Suche nach einem höheren, besseren Selbst geht: dem Streben nach Göttlichkeit. Das Album beginnt mit den Worten eines Freimaurer „das jeder Mensch Gott ist“. Ich sehe das so. Es gibt keine Götter, keinen Gott, kein höheres Wesen. Wir selbst sind die Götter. Wir haben nur deren Ursprung vergessen. Hier und da gibt es antike Texte oder andere Überlieferungen die uns darüber berichten. Nur, wir ignorieren das. Verurteilen es sogar. Dabei sind die uns angebotenen Alternative, man nennt sie Religionen, mehr als nur an den Haaren herbeigezogen. Wie einfältig muss man sein, um an derartiges zu glauben. Nicht umsonst ist das Wissen, der größte Feind der Religionen.

„Anomaly X“ wird euer letztes Album sein: Warum? Artaud: Weil es an der Zeit ist zu gehen. Es ist alles gesagt und man soll auf dem Höhepunkt seines Schaffens aufhören. Das war gar nicht mal geplant. Es kam als Begegnung mit dem Tod daher, inmitten des Songwritings irgendwann Ende November. Ein Mitglied unsere Loge, Frater Fidens, starb unerwartet und plötzlich. Es gab Leute um mich herum, die seinen Tod sehr mitnahm. Überall spürte ich diese tiefe Traurigkeit und das eigene Unbehagen des älter Werdens, das kalte Gefühl sich dem Tode zu nähern. Diese Traurigkeit floss in den letzten Song des Albums THE PYRAMID. Ein Freund sagte mir vor ein paar Wochen, das in dem Song Frater Fidens für ein paar Sekunden wieder zum Leben erweckt wurde. Das war wahrscheinlich das wunderbarste, was ich je über meine Musik gehört hatte. An jenem Tag wusste ich, dass der Weg von MERCIFUL NUNS ein bald endender sein wird. Auch wenn es defacto noch bis Herbst 2019 dauern wird. Denn live möchte ich das Album auf jeden Fall noch zu Gehör bringen.

Das war es dann? Artaud: Ja. Zumindest mit MERCIFUL NUNS. Wo soll ich mit der Band denn auch noch hin? Es ist alles erreicht, mehr geht nicht. Wir spielen jetzt seit Jahren im Wechsel die größten Festivals, die es für unsere Art der Musik gibt. Da in der Regel an exponierten Positionen. Mehr Erfolg geht auch nicht. Es gibt kein Höher, Weiter mehr. Wir sind im Rahmen unseren Möglichkeiten oben angekommen. Ich drehe mich im Kreise. Jedes Wort ist geschrieben, jede Notenfolge gespielt. Mein Nachlass sind 10 Alben. Das ist genug.

Welches ist dein persönlicher Lieblingssong auf „Anomaly X“? Artaud: THE PYRAMID.

Warum? Artaud: Aus genannten Gründen. Und weil er vielleicht etwas Besonderes hat. Etwas, was nicht von dieser Welt ist.

Der Song gefällt mir wirklich sehr. Im Booklet steht das der Song auch von Baudelaire geprägt sei. Welches Gedicht von ihm hat dich dazu inspiriert? Artaud: „The Saddness of the Moon“. Er transportierte die von mir wahrgenommene und angesprochene Traurigkeit um mich herum am besten.

Kannst du mir bitte auch noch Einzelheiten zur Entstehungsgeschichte von „Anomaly Part 1: Moon Water“ und „Anomaly Part 2: Crack In The Universe“ erzählen? Warum zwei Teile? Artaud: Ursprünglich waren es zwei Songs mit derselben Tonlage und nahezu identischem Tempo. Der Zufall wollte es als zusammenhängendes Ganzes. Ich habe mehrfach versucht aus beiden Teilen einen kürzeren Song zu machen. Das funktionierte aber nicht und irgendwann wollte ich das auch nicht mehr und es blieb bei der Version, wie sie jetzt auf dem Album zu hören ist.

Wie ich Dir im Vorfeld dieses Interviews schon gesagt habe, finde ich das Video zu „Blue Lodge“ hervorragend. Für mich gehört es zu dem Besten, was ihr jemals gedreht habt. Wer hat Regie geführt? Wo wurde es gedreht? Hintergründe? Artaud: Danke. Ich finde es auch sehr ansprechend. Und Jawa hatte sichtlich Spaß daran mich zu drangsalieren. Diese Seite kannte ich von ihr noch gar nicht (lacht). Das Video wurde in Woolton Hall, einer verlassenen Freimaurerloge in Liverpool, in einer kleinen tschechischen Dorfkirche in Lukova, sowie auf Schloss Lohm in Brandenburg gedreht. Dort haben wir auch das zweite Video THE PYRAMID gemacht. Wir drehen die Videos in Eigenregie. Ich habe das Glück innerhalb der Band/Crew gleich zwei versierte Kameramänner dabei zu haben. Wenn man hier von Regie sprechen möchte, dann war ich wohl der Regisseur.

Der Song ist grandios: Kannst du bitte ein wenig mehr darüber erzählen? Warum habt ihr ihn als erste Auskopplung ausgewählt? Artaud: Weil er phänomenal ist. Was soll ich sonst zu BLUE LODGE sagen (lacht). Nein, wir haben lange überlegt, ob wir nicht zuerst mit ON THE SQUARE raus gehen sollten. Der knüpft musikalisch doch recht nah an unsere letzte Single ETERNAL DECAY an, welche doch recht erfolgreich war. Ich fand das jedoch etwas zu einfach und wollte überraschen. Solch eine klassische Goth Nummer hat es doch schon ewig nicht mehr gegeben.

Kannst du bitte näher auf das Coverartwork und dessen Bedeutung eingehen? Artaud: Die Pyramide? Eigentlich war für das Cover das Logo auf der Frontseite des Booklets vorgesehen. Ich wollte aber mehr „Leere“ dort zeigen, es reduzierter halten, keinen Bandnamen, keinen Titel einfügen… es sollte bedrückend wirken. Das Cover, wie es jetzt ist, zeigt eine „Pyramiden-Finsternis“. Als ich den Entwurf zum ersten Mal sah, wusste ich sofort, dass es das ist. Die „verfinstere Pyramide“ hat mich dann durch das komplette Songwriting begleitet. Die hing als großes Bild an der Wand hinter meinem Mischpult. Das Bild sieht man übrigens in beiden Videos, wenn man genau hinschaut. Und wenn man noch genauer hinschaut, sieht man eine Welt voller Symbolik, die mit den Riten und Gebräuchen der Freimauer spielt.

Dem 34. Grade? Artaud: Auch dem. Und der kann nur von einer Frau erreicht werden. In der konservativen männerdominierten Freimaurerwelt ein Sakrileg, gibt es doch nur 33 Grade. Unnötig zu sagen, dass ich mich zwar fasziniert, aber kritisch bis ablehnend mit dem Ganzen auseinandersetze. Liberalität ist mir sehr wichtig. Ich glaube an ein unabdingbares Gleichgewicht zwischen Frau und Mann. Der Herr ist kein Herrscher, das Weib nicht dem Manne untertan. Ich nenne es nur nicht Emanzipation, sondern Gleichklang der Geschlechter. Ein Normalzustand, den viele Männer nicht akzeptieren wollen oder soziologisch nicht können. Wir brauchen einen neuen Anfang, eine NEO ALPHA GENESIS.

Das ist der Name des ersten Songs auf “Anomaly“. Worum geht es hier? Artaud: Um eine neue, gerechtere Welt. Und damit meine ich nicht nur das gerade genannte Verhältnis zwischen Mann und Frau, sondern auch das von Mensch und Umwelt, inklusiver andere Lebensformen, die in ihr wohnen. Wir beschreiten da gerade einen bedenklichen Weg.

Wenn man sich das Album durchhört, dann fällt einem nicht nur die Komplexität der einzelnen Songs auf, sondern auch ein imaginärer roter Faden, der den Hörer durch das ganze Album trägt. Und das nicht nur auf einer textlichen Ebene, viel mehr auch auf einer musikalischen. Wie schafft man es einzelne Songs so zu komponieren, dass sie sich zu einem großes Ganzes zusammenfügen? Artaud: Indem man beim Songwriting das komplette Album im Hinterkopf hat. Ich arbeite ja sowieso gerne eher Album- als Songorientiert. Würde ich rein Songorientiert Stücke schreiben, dann wäre ich ja vom Zufall abhängig, ob die jeweiligen Stücke zusammenpassen oder nicht. Und Zufälle mag ich nicht.

Wie geht es weiter? Wirst du mit Jawa zusammen ein neues Projekt ins Leben rufen? Was ist von Artaud Seth in Zukunft musikalisch zu erwarten? Artaud: Ich werde immer Musik machen. Das ist meine Leidenschaft. Wohin mich meine Kreativität noch treiben wir, weiß ich nicht. Aber irgendwo hin bestimmt!

Du hast erwähnt, dass ihr noch auf Tour gehen möchtet? Wo und wann sind die letzten Auftritte von Merciful Nuns geplant? Welches sind die letzten Gelegenheiten euch noch einmal zu sehen? Artaud: Wir geben 12 letzte Konzerte in Europa, sowie 4 in Süd- und Mittelamerika. So zumindest der Plan. Schaut einfach mal auf unserer Webseite www.MercifulNuns.com oder auf unsere Facebookseite vorbei. Da stehen dann die Daten drin.

Vielen Dank, Artaud! Artaud: Ich danke Dir.